You only have one moment. This short moment is your life. Just a small glimpse called now.

But all we do is wait. For the moment when all thing will come together? Maybe they never will.

Maybe we should 

Stop Waiting. And Just Go.

Alpenland, Bayern | Belka Berlin

Alpenland, Bayern | Belka Berlin

"Wo ist die Straße?", höre ich Andrej fragen, als wir von der Landstraße nach Siegsdorf bei Chiemsee abbiegen. Ich schaue mich um. Nichts.... Ich sehe nur WEIß. Weiß rechts. Weiß links. Weiß vorne und hinten. Neben uns scheint ein Sportplatz zu sein, zumindest vermute ich unter den kleinen weißen Hügeln Fußball-Tore. Aber wo er beginnt und aufhört, sehe ich nicht.

Dicke Flocken bedecken im Sekundentakt vollständig unsere Frontscheibe. Andrej fährt langsamer als Schrittgeschwindigkeit. Er orientiert sich an den schwach in der Ferne leuchtenden Rücklichtern eines vor uns fahrenden Autos. "Der ist bestimmt von hier, er wird's wissen". Ich denke an die BILD-Schlagzeile von morgen: "DER WINTER DES JAHRHUNDERTS!". Ob's stimmt, werde ich nie erfahren, ich lese die BILD nicht.

Zwei Tage vor Silvester hat es uns also nach Chiemgau verschlagen. Fünf Tage zuvor haben wir die Ferienwohnung am Chiemsee gebucht. Wie immer spontan. Wie immer mit einem Quäntchen Glück. Dass ich Chiemsee nicht mag, weiß ich da noch nicht. 

Am ersten Morgen nach der Ankunft - das Auto graben wir umständlich aus - machen wir uns von Siegsdorf auf den Weg zum Chiemsee. Wir umrunden den See und fahren jedes größere Dorf, halten an, um Karottenkuchen zu essen und Segelboote im Hafen anzuschauen. Die Herreninsel sehen wir aus der Ferne. Der Bootverkehr ist heute aufgrund des Schneesturms unregelmäßig oder er fällt gar aus. Ich sehe den Chiemsee in einem Mantel aus Nebel und Traurigkeit. Er ist flach wie die Seen in Meck-Pomm. Ich bin enttäuscht und schieße nur drei Bilder. Vielleicht tue ich ihm Unrecht. Vielleicht werde ich auch das nie rausfinden.

Die Schönheit von Chiemgau liegt für uns im Hinterhof. Bildlich gesprochen - in unserem Hinterhof. Nach der Rückkehr vom Chiemsee klettern wir über die Schneeberge vor unserem Haus und laufen auf den Acker. Und noch ein bisschen weiter über den Berg. Da landen wir auf einer Alm. Oder einem Bauernhof. Den Unterschied kenne ich nicht, aber schön ist das Ganze trotzdem. Der Bauer grüßt nur mürrisch und schippt weiter den Schnee. Untypisch für Bayern, denke ich. Aber er hat alle Hände und eine Schaufel voll zu tun. Vor dem Haus stehen zwei Pferde und fressen Heu.

Der Schnee hat wie ein Schwamm alle Geräusche in sich eingesogen. Es herrscht Totenstille. Nur leises Rascheln des Heus und unsere Fußtritte im Schnee. Hrrrsch. Hrrrsch. Hrssssch.

Der Silvestermorgen bringt zwei Erkenntnisse. Erstens: Der Dauer-Schneesturm hat nach zwei Tagen aufgehört. Es kommen nur noch winzige, im Licht schimmernde Kristalle vom Himmel. Zweitens: Nach Kitzbühel können wir trotzdem nicht fahren. Denn wir haben keine Lust, unser Auto nochmal auszugraben. Und hätten wir Lust, müssten wir wissen, welches von den vielen weißen Hügeln unser ist. Das wissen wir natürlich nicht und beschließen deshalb die Silvesterparty in Kitzbühel sein zu lassen. 

Stattdessen fahren wir mit dem Schlitten auf den Acker. Das Schlittenfahren erinnert mich an die Kindheit. Das letzte Mal liegt bestimmt fünfzehn Jahre zurück. Ich lache so viel wie lange nicht mehr. Besonders dann, wenn Andrej stellenweise beschleunigt und losrennt, und der Schlitten dann hin- und herschwingt und droht umzukippen. Steuern kann ich natürlich nicht, befeuere ihn aber und lache Tränen, die in der Eiseskälte gleich auf den Wangen gefrieren. 

Auf dem Acker treffen wir eine Dorfbewohnerin, die unbedingt ein Erinnerungsbild für uns machen möchte. Als ich von Kitzbühel erzähle, winkt sie ab. "Nur Juristen und Bankmenschen." Sie hat keine Ahnung, was dieser Satz für mich bedeutet. Diese Welt war mal meine und könnte nun nicht weiter weg sein. Wir feiern Silvester zu zweit, mit Thermoskannen-Glühwein statt Champagner und Dorffeuerwerk statt Hüttenparty. Das Leben hat mal wieder seinen ganz eigenen Lauf genommen. Und hat damit natürlich wie immer Recht.

Unser Jahr 2015 beginnt um 9 Uhr früh und ohne Kater. Wir packen die Sachen zusammen, schmieren Brote für den Weg und schnüren die Erinnerungen, die hier entstanden sind, um sie mit nach Hause zu nehmen. Dann machen wir uns auf den Weg nach Berchtesgaden, zum Königssee. Ein ungeplanter Tagesstop, bevor es nach Hause geht.

Das Navi führt uns durch Österreich und an der ersten Ausfahrt müssen wir bei der Polizeikontrolle eine astronomische Strafe zahlen - für die nicht vorhandene Vignette und die drei unrechtmäßig gefahrenen Minuten über die österreichische Autobahn. Das Universum lacht uns ein bisschen aus: "Man kann nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens sein". Ich lache zurück und danke für die Sonne von oben. Die scheint heute nämlich. Und der Königssee im Winter ist so, wie man ihn sich vorstellt. 

Nur besser. Viel, viel besser.

Alle Bilder wurden mit Nikon F80 und Nikkor 50mm, f 1.4, auf Kodak Portra 160 und 400 aufgenommen.


Belka Berlin 

Herausgeberin von The Fernweh Collective

Mit 5 Jahren wurde Belka als blinder Passagier an Bord einer sowjetischen Il-86 geschleust und leidet seitdem an Fernweh. In der Zwischenzeit hat sie die Welt bereist und die Aussicht auf eine Jura-Karriere gegen ein Leben mit ihrer Kamera "on the road" eingetauscht. In ihrer Freizeit träumt sie davon, mit einer Umweltaktivisten-Truppe in die Arktis durchzubrennen. Oder friedlich in einer einsamen Hütte auf Sansibar zu leben.  Je nach Tageslaune.

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